Das aktuelle Suchwetter für Garmisch-Partenkirchen


     Geschichte und Geschichten aus Werdenfels: Unsere Vortragsreihe gemeinsam mit der Partenkirchner Bücherei:                       Thema am 07.03.2012 in der Ludwigstrasse 29 ab 19.30 Uhr:

Multimediavortrag: Geotrekking im Zugspitzland von Andreas Kaiser



Kontakt unter: fff@fragen-forschen-finden.de
BuiltWithNOF

Highway to Wamberg?

“Und da unten sind die Spurgleise!“, tönte Jürgen. Ich stolperte mehr schlecht als recht in einen steil talwärts führenden, teilweise verwachsenen, aber auffällig geradlinig verlaufenden Graben hinein. Jürgens Enthusiasmus konnte ich noch nicht teilen. Sollte das wirklich eine alte Straße mit Gleisspuren von Wagenrädern sein? Zunächst hieß es sich einen Überblick zu verschaffen. So arbeitete ich mich einige Meter in dem Graben hoch um dann die jenseitige Flanke über Wurzelwerk zu erklimmen. Jürgen drängte mich immer noch, doch endlich zu den Gleisen abzusteigen. Ich stand nun an der Südwestkante des Grabens und erblickte wenige Meter weiter einen zweiten, ebensolchen Graben. „Also Jürgen, wenn du eine alte Gleisstraße gefunden hast, dann ist es mindestens ein Gleis-Highway, denn hier ist die zweite Trasse.“

Die Karrengeleise im HohlwegLassen wir Jürgen zu Wort kommen:
„Endlich war der Schnee geschmolzen, die Kälte des langen Winters 2009/10 schien gebrochen und die Frühlingssonne lockte zu ersten Touren. Eine Wanderung nach Wamberg sollte es werden. Wie so oft waren beruflich bedingt aber nur ein paar kurze Stunden nachmittags für den Ausflug freizumachen und die Zeit wurde mir auf dem Rückweg knapp. So entschloss ich mich, statt dem Fußweg zu folgen, der sich in Serpentinen den Berg hinab windet, den schnellen, direkten Abstieg durch den Wald zu wählen. Ein Graben bot sich als Direttissima an. Auf den ersten 100m im Graben fiel mir dessen Profil nicht sonderlich ins Auge, bis eine rutschige Felsplatte, trotz meiner griffigen Bergschuhe, einen unfreiwilligen Sturz provozierte. Wieder aufgerappelt zeigte sich, dass die Felsplatte, durch die Schmelzwässer der letzten Tage freigelegt, mit Spurgleisen einer uralten Straße formatiert war. Ich stand in einem tiefausgefahrenen Hohlweg! Der alte Weg war bis zu drei Meter tief ausgefahren, die Geleise nochmals 20-25 cm tief in die massive Felssohle eingeprägt.  Am Abend mailte ich Andy einige Photos der Spurgleise zu. Wir entschlossen uns, einen Tag für eine nähere Untersuchung zu nutzen. Römerstraße, mittelalterliche Rottstraße, eine Laune der Natur, was hatte ich da gefunden?                                                                                                         Wie immer nach einem Fund begannen wir auch diesmal mit dem Versuch einer zeitlichen Einordnung. Welche alten Straßen waren denn in unserer Gegend überhaupt bekannt? Da wäre zunächst die römische Via Raetia zu nennen, eine Fernhandelsstraße von Venedig nach Augsburg. Im Gegensatz zur westlich benachbarten Via Claudia Augusta überquerte sie die Alpen am Brenner und den Inn bei Innsbruck. Über den Zirler Berg und Seefeld gelangte sie ins Werdenfelser Land. Die Via Claudia Augusta bediente sich in ihrem Verlauf der Alpenpforte des Reschenpasses, einer Innbrücke bei Landeck und erreichte über den Fernpass das Alpenvorland. Da der Verlauf der Via Raetia zwischen Klais (dort Wagenspurgleise in einem Hohlweg) und Partenkirchen (angenommene römische Straßenstation) nicht endgültig belegt und verortet ist, spielten wir auch mit dem Gedanken, ein bislang unbekanntes Teilstück dieser Via Raetia entdeckt zu haben. Aber sollte die nicht auf der gegenüberliegenden Flanke des Kankertales zu finden sein? Die Historiker vermuten den Römerstraßenverlauf dort unter der heutigen B2 bis zur Einmündung der alten Gsteigstraße bei Schlattan, dort weiter in die Partenkirchener Ludwigstraße zur römischen Streckenstation.

Wir entwickelten die Theorie, dass ein höhenebener Verlauf der Via Raetia über eine bestehende Geländeterrasse von Klais nach Wamberg ebenso denkbar wäre und unser Straßenstück möglicherweise die Auf- und Abstiegsrampe in den Garmisch-Partenkirchener Talkessel gewesen wäre.Karrengeleise der Via Raetia in Klais

Die mit drei Metern beachtliche Tiefe des Hohlweges und die deutlich ausgefahrenen Spurgleise stützen diese gewagte Theorie, eine römische Straße gefunden zu haben. Vieles deutete auf eine möglicherweise jahrhundertelange, intensive Nutzung als Karrenweg hin. So ist die Straße auch als sogenannte Bifurkation angelegt. Dies bedeutet, dass der Weg über eine längere Strecke in zwei getrennte Fahrspuren gespaltet ist, welche die Fahrtrichtungen voneinander trennen. Damit wurde schon zu römischen Zeiten vermieden, dass an verkehrsreichen Steigungen durch die langsam bergaufwärtsfahrenden Karren, denen oftmals zusätzliche Zugtiere vorgespannt werden mussten, der schnellere Gegenverkehr bergab behindert wurde. Heute würde man dazu Verkehrsentflechtung sagen. Bifurkationen weisen auf die intensive Nutzung einer Straße hin. Unser Weg trennt sich über knapp 300m in eine Doppelspur auf. Bei beiden Spuren handelt es sich um tiefeingeschnittene Hohlwege, in beiden finden sich Spurgleise, im nördlichen allerdings deutlicher ausgeprägt. Noch ein weiterer Befund schien die Annahme, eine römischen Fernstraße gefunden zu haben, zu stützen. Aus der Historie von Partenkirchen ist – allerdings nicht unbestritten – überliefert, dass sich ein römisches Bad und/oder Quellheiligtum in des Nähe des alten Krankenhauses, nur gut 300m vom Beginn der Gleisstraße entfernt, befunden  habe (In späteren Zeiten ein Kurbad!). Grund genug für uns, mit Hilfe des bekannten und gesicherten Verlaufes der Römerstraße zwischen Klais und Mittenwald Vergleiche zu ziehen, um unseren Fund zeitlich einordnen zu können. Auch zwischen Klais und Mittenwald wurde eine Bifurkation entdeckt und bei Klais ist ein Stück der alten Römerstraße (wie oben angedeutet) freigelegt, sodass dort die römischen Spurgleise sichtbar sind. Nummer eins auf der Todo-Liste war die Vermessung unserer Straße bezüglich der Tiefe der Gleise und der Spurweite. Spurbreite 85cm, Tiefe im Anstehenden des Raibler Schiefers durchschnittlich 20 -25 cm.Bis 20 cm tiefe Karrenspuren

Und schon waren wir bei der ersten Erkenntnis angelangt: Die Römerstraße in Klais weist eine Spurbreite von 107cm auf. Die Tiefe der Spurrillen entspricht jedoch der Tiefe unserer Gleise. Auch eine intensive Recherche im Internet führte nur zu der Bestätigung, keine römische Straße gefunden zu haben. So zwingt die dendrochronologisch eindeutige Datierung des römischen Knüppelweges im Murnauer Moos bei Eschenlohe, mit einer der von Klais korrespondierenden Spurbreite, zu einer Einstufung unserer Straße als eindeutig nicht römisch. Nun gut, nicht alle Straßen des ehemaligen römischen Straßennetzes wiesen die gleiche Spurbreite auf, jedoch scheinen die 107cm für die Via Raetia die genormte Spurbreite gewesen zu sein.

Unsere gefundenen Spurgleise entspringen also nicht römischer Herkunft. Wir bewegten uns in der Recherche weiter, immer der Zeitschiene entlang Richtung Mittelalter. Naheliegend wäre es, hinter dem Fund die alte Rottstraße der Fugger nach Augsburg zu vermuten. Gerade die Rottstraßen wurden oft als Höhenstraßen angelegt, um die im Mittelalter meist sumpfigen Talgründe zu meiden. Bekannt ist auch, dass ein Ballenhaus in Mittenwald und ein weiteres in Partenkirchen existierte, in dem die transportierten Waren durch die Rottleute umgeschlagen wurden. Aber auch hier stand nach entsprechender Recherche ein Aspekt gewichtig der Annahme, einen Abschnitt der Rottstraße gefunden zu haben, entgegen. Wieder war es die Spurbreite. Im Mittelalter nahm die Spurbreite im Fernverkehr zu. Spurbreiten der Rottfuhrwerke bis 160cm sind bekannt. Allerdings gibt es auch Historiker, die genau Gegenteiliges verkünden. Wem glauben?

Also doch „nur“ ein regionaler Karrenweg zwischen Wamberg und Tal? Ein Weg, auf dem mehr oder weniger „nur“ das geschlagene Holz abtransportiert wurde? Ein schwieriger Sachverhalt. Der Karrenweg verläuft genau in zwischen Wamberg, dem höchsten Kirchdorf Deutschlands, und Partenkirchen. Die Vorstellung ist unwahrscheinlich, dass die Gleisspuren durch die Straßennutzung der wenigen Einwohner in Wamberg geschliffen wurden (1910 z.B. nur 53 Einwohner im Dorf). Die Nachforschung bei den Höfen um Wamberg ergab, dass das Holz mittels Schlitten im Winter auf den gefrorenen Wegen zu Tal gebracht wurde. Wir tun uns mit der Vorstellung schwer, diese Schlitten hätten die von uns entdeckten Spurgleise in derartiger Deutlichkeit in nur wenigen Jahrzehnten hinterlassen. Im Winter wären doch die Hohlwege mit Schnee und Eis bedeckt gewesen! Ein perfektes Gleitmittel, der Bodenabrasion entgegenwirkend. Ein weiteres Rätsel ist die Tiefe der Gleisspuren, die auf eine intensive Nutzung durch eisenbeschlagene Wagenräder spekulieren lässt. Eine Nutzung, die so intensiv war, dass sogar eine Bifurkation notwendig wurde. Fand nach Wamberg wirklich ein derartiger Verkehr über die Jahrhunderte statt, welcher diese Spuren hätte hinterlassen können? Denn alles weist auf einen über Jahrhunderte genutzten Weg hin.
GPS Vermessung
Zwischenzeitlich hatten wir eine GPS Vermessung der Strecke durchgeführt und konnten folgende Daten fixieren: Straßenbifurkation, orographisch rechte Spur Länge 285m, linke Spur 302m, Erscheinungsbild als Hohlweg, mit einer Steigung von 32,6% (rechts) bzw. 30,8% (links). Der Verlauf orientiert sich südwestlich, überwindet 83 Höhenmeter und mündet bei 909mNN in den heutigen Wanderweg nach Wamberg ein.

Mit dieser Dokumentation waren wir fast an den Grenzen unserer Möglichkeiten angelangt. Wir unterzogen das Gelände nach der Geo- und Photodokumentation abschließend noch einem Metallscan, in der Hoffnung Signale auf Hufeisen oder Hufschuhe zu erhalten, die eine genauere Datierung zulassen würden und den Denkmalpflegern gemeldet, diesen einen Anhaltspunkt und einen Ansatz für eine offizielle Nachsuche bieten könnten. Mit zwei Metalldetektoren unterschiedlicher Funktionsweise und Hersteller durchleuchteten wir den Untergrund. Die moderne Technik unserer Metalldetektoren arbeitete wie immer höchst zuverlässig. Die Displaydaten illustrierten ein Bild der im Boden befindlichen Metallteile. Außer neuzeitlichem Metallschrott à la Coladosen und „Capri Sonne - Tüten“ war leider nichts zu detektieren.

Die Meldung und die umfangreiche Dokumentation des Fundes an das Bayerische Landesamt für Denkpflege und die untere Denkmalschutzbehörde waren zwischenzeitlich erstellt und wurden abgeschickt. (siehe unten) Auch informierten wir die Mitglieder des historischen Vereins und den Kreisheimatpfleger. Wir sind gespannt was die weiteren Untersuchungen der Profis ergeben werden.

Zeigt sich nicht auch in scheinbar kleinen Entdeckungen, welch tiefgründige Auseinandersetzung mit der Geschichte des Heimatraumes notwendig werden kann und diese neue Erkenntnisse wachsen lässt?“


Exkurs: Wie entstehen Karrgleise?

Eine Karrgeleisestraße besteht aus zwei parallelen Vertiefungen in einem festen Untergrund, in der Regel dem anstehenden Fels, in selteneren Fällen im Steinpflaster oder in Bohlen auf einem Knüppelweg. Die Rillen können eine Tiefe von mehreren Dezimetern erreichen. Sie sind nicht kantig ausgefahren sondern gerundet. Ihre Funktion besteht, ähnlich von Bahngleisen, deshalb auch der Name Geleisestrasse, darin, den Wagenrädern als Führung zu dienen, um das seitliche Ausscheren des Fuhrwerks zu verhindern. Diese Gefahr bestand beim früheren Verkehr besonders bei der Talfahrt da mann nicht gefühlvoll bremsen konnte. Damals wurden die Karrenräder nicht gebremst sondern mit Stangen blockiert. Auf den Gleisstraßen verkehrten Karren mit genormter Spurweite. Manchmal liefen verschiedene Spurbreiten nebeneinander oder sogar ineinander her. 

Bezüglich der Entstehung der Geleisestrassen streiten sich die Gelehrten. Die Jünger der Ausfahrheorie glauben das die Rillen durch das stete Befahren derselben Spur entstanden: Raddruck und Reibung hätten demnach dazu geführt, dass sich die Rille in die Wegoberfläche eintiefte. Die Vertreter der zweiten Theorie sehen die Rillen hingegen als eine menschengewollte Arbeit: Sie sollen in die Strassenoberfläche eingetieft worden sein.
 

Die Meldung an die untere Denkmalschutzbehörde:

So sah dann unsere vierseitige Meldung an das untere Denkmalschutzamt aus. Diese leitete den Meldebogen weiter an das Landesdenkmalamt. Für die weiteren Seiten der Fundmeldung auf die Pfeiltasten des pdf klicken.
 

 

Zwischenzeitlich wurde unser Fund von der Amtsarchäologie gewürdigt und wir erhielten das folgende Schreiben für das wir uns ganz herzlich bedanken: