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Projekt 1: Das versunkene Motorboot im Kochelsee
Vorgeschichte:
Herbst 2008 erfuhren wir eine interessante Geschichte über den Kochelsee:
Dr. Dr. Lange, nach eigenen Angaben ein in Führungskreisen des Dritten Reiches ein- und ausgehender Spezialist ,wurde beauftragt Verstecke für Werte zu suchen und entschied sich für ein Haus am Kochelsee. Am Kriegsende fand angeblich dort, in der Nähe dieses Hauses, eine Versenkung von Wertgegenständen statt.
Ebenfalls wurde uns die Versenkung eines Militärfahrzeuges über einen Steg in den See zugetragen. In dessen Benzintank waren angeblich Goldmünzen versteckt . Darüberhinaus unterrichtete uns eine Tauchergruppe über Material und Kisten an einer bestimmten Stelle des Sees, die diese bei einem Tauchgang gesehen hätten
Unter Umständen könnte es sich dabei um die versenkten Wertgegenstände aus dem Haus am See handeln.
Also fuhren wir an einen kalten aber klaren Oktobertag los mit den Booten. Bewährt hat sich die Magnetangelprospektion für lichtlose Tiefen. Mit den Neodymmagneten von Tom wird über evtl. Zufallsfunde eine Unterwassergebietseingrenzung vorgenommen, um einen späteren Tauchgang zielgerichtet zu unternehmen. Die Koordinaten der Unterwasserfunde werden auf den mitgeführten GPS Geräten erfasst. Nebenbei wollen wir nach dem versenkten Militärfahrzeug Ausschau halten. Wer beschreibt unsere Überraschung, als wir schon bei der Anfahrt im klaren Niedrigwasser des Sees ein Fahrgestell entdecken, und zwar fast an der Stelle an der die Versenkung des Militärfahrzeuges stattgefunden haben soll. Ein Versuch der Bergung einzelner Teile gelingt, ermöglicht allerdings keine Identifikation. Es gelingt es uns verwertbare Bilder von der Oberfläche aus aufzunehmen und weitere Recherchen einzuleiten. Ein Informant hält das Objekt für den Rahmen eines Boot und kontaktiert Andy mit folgender Historie:

Verfasser: Andreas P. Kaiser (Garmisch-Partenkirchen)
Mythos:
1943 oder 1944 sei eines Tages ganz Kochel am See in Aufregung geraten, da ein Schwertransporter, beladen mit einem luxuriösen Motorboot, durch das Dorf manövrierte. Ziel des Transports war das südliche Ortsende. Dort sollte der Stapellauf stattfinden. Vor den Augen der versammelten Dorfbevölkerung glitt das Boot in den See aber anstatt zu schwimmen ging es an Ort und Stelle sang- und klanglos unter. Keiner der Umstehenden wagte zu lachen, denn das Schiff gehörte keinem Geringeren als dem Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, Herrmann Göring. Das Schiff wurde nicht wieder geborgen, obwohl es in unmittelbarere Ufernähe gesunken war. Schnell kochte die Gerüchteküche über: „Es wird wohl einen wichtigen Grund geben, das Schiff nicht zu heben. Ist da etwas an Bord, was nicht wieder an die Oberfläche gelangen soll? Ja war denn vielleicht der misslungene Stapellauf eine gelungene Versenkungsaktion?“
Forschungsergebnisse:
Der Mythos interessierte mich. Er war in sich schlüssig, könnte durchaus so passiert sein, und lockte zudem mit einem geheimnisvollen Wrack.
Wie gewohnt griff ich zunächst zu verschiedenen Karten, um mir einen topografischen Überblick zu verschaffen. Vom südlichen Ortsausgang Kochels bis zum Beginn der Kesselbergstraße schmiegt sich die Straße ans Seeufer. Auch fällt hier der Seegrund verhältnismäßig steil ab, sodass ein Stapellauf plausibel erscheint. Sollte hier wirklich noch das Wrack liegen?
Ich hoffte mit dem Alleswisser Google in meiner Recherche weiter zu kommen, doch ich musste feststellen, dass auch Google nicht alles weiß. Keinerlei Eintrag zu einem missglückten Stapellauf in Kochel, keine Hinweise auf diversen Taucherseiten, nichts, einfach gar nichts. Konnte sich anno 1943/44 ein solch’ markantes Szenario ereignen, ohne irgendwelche Spuren in den Weiten des heutigen Internets zu hinterlassen?
So begab ich mich in die Zeitzeugenforschung. Mittels weniger Telefonate konnte ich einen alten Kochler und einen alten Schlehdorfer ausfindig machen, die als junge Männer den Zweiten Weltkrieg als Soldaten miterleben mussten. Schon das Interview mit dem ersten Zeitzeugen war ein Volltreffer: „Die G’schicht is a Schmarrn.“, tönte es freundlich und etwas amüsiert durch den Telefonhörer und der alte Mann fuhr mit seiner Version der Schiffssaga fort, die kurz darauf von meinem zweiten Zeitzeugen haargenau bestätigt wurde. Und das war passiert:
Anlässlich der Eröffnung des Walchenseekraftwerks im Jahr 1924 wurde ein schickes Motorboot an den Kochelsee gefahren und sollte südlich des Ortes vom Stapel laufen. Aufgrund Unwissenheit wurde das Schiff mit dem Heck voran gewässert, Wasser schwappte ins Boot, es sank auf der Stelle. Viele Jahre später wurde das Wrack geborgen und restauriert, doch seiner eigentlichen Bestimmung als Wasserfahrzeug sollte es nicht wieder zugeführt werden. Stattdessen steht es in der näheren Umgebung von Kochel und ist als „Cafépavillion“ auf einem Freizeitgelände in Gebrauch.
Kein Göring, keine absichtliche Versenkung, kein zu bergender „Schatz“.
Enttäuschung, nein, auf keinen Fall, zeigt doch dieser Mythos, dass so mancher Erzählung ein wahrer Kern innesteckt, auch wenn die Zeit mit Schlieren der Phantasie die ursprüngliche Wahrheit umgarnt.
Meine beiden Zeitzeugen waren zum Zeitpunkt des Stapellaufs noch nicht geboren, das wirklich Geschehene war ihnen allerdings allzu gut bekannt, da das Ereignis über Jahre hinweg in Kochel und Umgebung Gesprächsstoff geboten haben muss. So hielt sich als geflügeltes Wort über lange Zeit in Kochel die Aussage eines Augenzeugen des Schiffsuntergangs: „Jetzt ham de Fiisch a schees Scheißhaus.“
Ausblicke:
Durch die voneinander unabhängige Aussage zweier Zeitzeugen erachte ich den Mythos als enttarnt. Aus Neugier werde ich aber versuchen, das Schiff in seiner neuen Funktion als Cafépavillion zu finden. [weitere Info: www.kaiser-geotrekking.de]
Den weiteren Spuren am Kochelsee werden wir jedoch nachgehen. Die Magnetangelprospektion brachte, außer dem Fahrgestell nur einige Metallpfeiler an die Oberfläche. Aber leider ist die Magnetangelprospektion eine unsichere Untersuchungsmethode, da die Angel nur wenige Dezimeter an einem Fundstück vorbeigleiten kann und unsere Suchlinien im Normalfall 5 Meter auseinanderliegen. Also werden wir dort noch mit engeren Suchabständen arbeiten müssen.

Über den Winter 2008/2009 bereiten Tom und Michi die Bergung des Wracks vor. Dazu gehören neben den offiziellen Genehmigungen auch der Bau und Test einer schwimmfähigen Bergeplattform. Erwartbar im Juli werden wir mit der Bergung des Wracks beginnen. Für uns auch ein Test für die Bergung aus grösseren Tiefen am Walchensee. Dabei wollen wir den Aufwand verständlicherweise im Rahmen halten. Reinhold Ostler hat das mit einem Bergeversuch der Zinnfigurensammlung von Colin Ross erfahren müssen. Das fordert von Tom und Michi pfiffige und intelligente Lösungen für die Bergung. Beide setzen auf bewährte Technologien und vorhandene Bauteile die zu einer neuen Lösung zusammengestellt werden.
Wir berichten weiter...
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